Depressiv

Als ich gestern Abend das erste mal von Robert Enke und seinem Selbstmord las, wußte ich nicht einmal, wer das war. Irgendwas mit Fußball, mehr fiel mir nicht dazu ein. Inzwischen weiß ich es und wie viele andere Leute auch, finde ich es nicht richtig, daß über den Tod von prominenten Leuten ein solcher Wirbel gemacht wird. Vor allem, wenn es um Personen wie etwa Popsänger geht, deren besonderen Wert für die Menschheit ich beim besten Willen nicht erkennen kann. Andere Menschen sterben auch, zum Teil unter schrecklichen Umständen. Sie hinterlassen tiefe Lücken, emotionale oder sogar lebensbedrohliche, wenn eine Familie ohne ihren Ernährer nicht alleine auskommen kann.
Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite, wie in diesem Fall, kann es dazu führen, daß in der Öffentlichkeit Probleme angesprochen werden, die sonst zu wenig Beachtung finden. Das ist gut so. Hier geht es um Depression. Es gibt anscheinend immer noch eine Menge Leute, die meinen, mit ein bißchen Zusammenreißen sei es getan. Dem ist aber nicht so. Depression ist eine echte Krankheit, die in leichteren Fällen zwar auch mit Psychotherapie behandelt werden kann, aber dennoch eine Krankheit ist und keine Charakterschwäche.  Und so sollten depressive Menschen auch behandelt werden. Sie sollten die mögliche medizinische Hilfe erfahren, die sie zum Gesundwerden oder zumindest zum Leben mit der Krankheit benötigen. Nur wie weit geht dabei die Selbstbestimmung? Wenn ein Kranker keine Behandlung will? Zwang ausüben? Wie weit soll das gehen.
Vielleicht sollte man konsequenterweise akzeptieren, daß es auch bei dieser Krankheit den schweren Verlauf mit tödlichem Ausgang gibt. So ziemlich jeder hat irgendwo Verständnis dafür, wenn sich z.B. ein schwer krebskranker Mensch mit starken Schmerzen das Leben nimmt. Ein schwer depressiver Mensch hat starke seelische Schmerzen, die ihm das Weiterleben unmöglich machen. Wer will einen leidenden Menschen zum Weiterleben zwingen? Ich nicht.
Und einem verzweifelten Menschen nachträglich vorzuwerfen, er habe seine Familie im Stich gelassen oder sei rücksichtslos gegenüber dem Lokführer gewesen, verkennt meiner Meinung nach die psychische Situation dieses kranken Menschen.

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8 Antworten to “Depressiv”

  1. Yewa Says:

    Danke für Deine Worte. Ich bin ganz Deiner Meinung. Auch ich hoffe, das Stigma der Depression noch während meiner Lebzeiten ähnlich klein werden zu sehen wie das des Krebses.

    Doch ein Kranker, der keine Behandlung will oder nicht einsieht, daß er sie braucht, kann nicht behandelt werden. Depressive Menschen müssen sich helfen lassen wollen. Das ist das Fatale & ein fürchterlicher Teufelskreis, weil sich immer wieder die Gedanken einschleichen, daß doch alles keinen Zweck hat.

    Ich hab seit gestern abend wieder vermehrt Angst vor dieser Krankheit. Hoffe, daß sie nie derart viel Macht über mich gewinnt, daß ich zu einer solchen Tat fähig wäre. Noch habe ich Angst davor.

    Ich zitiere aus einem der besten Bücher über Depressionen, einem Roman von Herdis Møllehave – Le und die Knotenmänner:

    „Der Widerspruch, einerseits das Bedürfnis zu haben, sich beschützt fühlen zu wollen; die Decke fest um sich herumgepackt; die Mutter die sie umarmen sollte; und gleichzeitig die Angst, erstickt zu werden, keine Luft zu bekommen.
    Einerseits kein Licht zu vertragen, andererseits gleichzeitig Angst vor dem Dunkeln zu haben. >>>>Das Leben nicht zu ertragen, die Angst vor dem Tod.<<<<"

    Die Pfeile sind von mir eingefügt.

  2. Sec Says:

    Danke für deinen Beitrag, dem ich zustimme. Wenn ich auch den Umgang mit Robert Enke und seinem Suizid in den Medien zum Erbrechen finde, (guter Artikel dazu übrigens hier: http://tinyurl.com/yfjlxl7 ) so begrüße ich doch, genau wie du, dass die Krankheit Depression in der Öffentlichkeit nun etwas genauer wahrgenommen wird.
    Ich war selbst einige Monate wegen schwerer Depressionen in stationärer Behandlung und weiß aus Erfahrung, welche Vorstellung allgemein in den Köpfen vorherrscht.
    Jemandem, der so wie ich, wegen seiner Depressionen bereits einen erfolglosen Suizidversuch hinter sich hat, zu sagen, er solle sich zusammenreissen, seine Intelligenz einsetzen, sich ablenken und dergleichen mehr, das gleicht dem Rat an einen Schwitzenden, er solle doch einfach aufhören zu schwitzen.
    Das Schwierigste im Leben eines pathologisch Depressiven, so empfinde ich, ist der Zwang, sich zu verstellen und verstecken zu müssen. Selbst ein solcher Kommentar wie dieser hier, kann ja einschneidende Folgen für Beruf, Karriere und soziale Kontakte mit sich bringen. Niemand würde einem Menschen mit akuter Blinddarmreizung die notwendige ärztliche Behandlung oder seinen temporären Ausfall im Arbeitsleben vorwerfen. Erkrankungen der Psyche werden hingegen als seelische Blähungen verspottet, der Betroffene wird zum „Schwachmaten“ abgestempelt und als Risikokandidat für jede künftige verantwortungsvolle Tätigkeit eingestuft.
    Also bleibt nur die Maske, die man selbst bei einem Arzt nicht mehr zu lüften wagt und hinter der die Last der Krankheit langsam und stetig die Persönlichkeit zerfrisst.
    Wer nicht erlebt hat wie es ist, wenn, zu Zeiten akuter Depressionsschübe, plötzlich alle Farbe aus dem Leben verschwindet und man sich in die Zeit der Schwarz/Weiß Fernseher zurückversetzt fühlt, der wird einen Robert Enke wohl kaum verstehen können. Taktgefühl, Anstand und das Gespür für die nötige respektvolle Distanz, sollte trotzdem jeder aufbringen können.

  3. jenny Says:

    stimmt. leider dürfen deppresive menschen nicht selbst über sich entscheiden. wer seinen suizidwunsch äußert, wird ratzfatz zwangseingewiesen (mir schon passiert). ich wünschte mir, deutschland wäre in sachen sterbehilfe liberaler und würde diese möglichkeit jedem menschen öffnen.

    • Sec Says:

      @ Jenny
      Nur zur Klarstellung: Mir ging es nie darum, unbedingt „sterben zu wollen“, sondern immer darum, aus meiner subjektiven Sicht so nicht mehr leben zu können.
      Deine Ansicht zur Sterbehilfe kann ich zwar verstehen, teile sie aber nicht. Aber das ist ein Thema, das ich nicht auf der Kommentarebene so nebenbei abhandeln möchte.

      Grüßle, Sec

  4. Markus Says:

    Hi Muli,
    ganz schweres Thema….. Kein Widerspruch bei dem Teil mit der Vermarktung und der Anteilnahme der Massen. Das kann schon zum Teil recht widerwärtige Züge annehmen. Das war bei Michael Jackson der Fall und ist sicherlich zum Teil auch hier der Fall.
    Prominente sind halt oft eine Art Zielprojektion, von denen man -zu unrecht- nicht erwartet, dass sie mit irdischen Problemen zu kämpfen haben.
    Große Zurückhaltung nehme ich aber dem Schluss Deines Blogs ein: Ich kann nicht akzeptieren, dass jemand sterben möchte und ich ihn sterben lassen soll, weil seine Krankheit es ihm „einredet“. Ich denke und hoffe, dass sich heute rumgesprochen hat, dass Depressionen nicht eine besondere Art des seelischen Aufstoßens ist, sondern eine richtige Krankheit mit, wie man heute weiß, physiologischen Ursachen. Also muss ich diese Krankheit bekämpfen und kann eigentlich nicht akzeptieren, dass jemand der Krankheit nachgibt und sich selber tötet.

    Auch finde ich den Vergleich mit Krebs nicht angebracht: Jemand der unheilbar an Krebs erkrankt ist, muss zwangsläufig unabwendbar sterben.
    Depressionen sind meines Wissens nach heute heilbar oder haben zumindest eine große Chance auf Heilung.
    Insofern würde ich, wenn ich zu seiner Familie gehören würde, schon die Frage stellen: Warum hast Du Dich nicht, wie von den Ärzten vorgeschlagen, stationär behandeln lassen?

    Aber wie ich in der Einleitung gesagt habe: Ganz schwieriges Thema.
    Deshalb Danke für den mutigen Blog!
    lg Markus

    • ichhebgleichab Says:

      Ich verstehe, daß Du an dieser Stelle ein Problem hast, das habe ich selber auch. Nur ich denke, daß der Lebenswille ein zentrale Grundlage unseres Lebens ist, genauso, wie ein funktionierender Körper. Wenn der nicht da ist, ist der Mensch nicht überlebensfähig. Einer Therapie muß der Kranke zustimmen, was ihm aufgrund seine Zustandes vielleicht nicht möglich ist. An der Stelle drehen wir uns dann im Kreis… Du sagst selber, daß die Krankheit physiologische Ursachen hat. Was, wenn die Biochemie einfach zu stark gestört ist?
      Damit wir uns recht verstehen: natürlich sollten alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden und keiner sollte vorzeitig aufgeben. Aber ich denke, manchmal geht es wirklich nicht.

    • Yewa Says:

      Manche Depressionen sind nicht heilbar. Man kann lernen, damit zu leben. Geheilt ist man dann noch lange nicht.

      Selbst, wenn ich zeit meines Lebens Medikamente schlucke, bin ich nicht geheilt. Ich halte die Krankheit lediglich im Zaum.

  5. kopfgefickt Says:

    das schlimme ist, dass eine behandlung einem depressiven manchmal erst die kraft gibt, seiner todessehnsucht nachzugeben. hatte er vorher nur den wunsch, zu sterben, hat er mit medikamenten nun auch die kraft, es durchzuziehen.
    die ursachen von depressionen sind eben leider nicht einfach auf physiologische fehlfunktionen herunterzubrechen, sehr oft kommen traumata dazu oder eine genetische veranlagung. alles kann den verlauf und die stärke der depressionen beeinflussen.
    und es ist so, wie yewa sagt: man nimmt zwar medikamente, aber man wird sie nie ganz los. wie ein trockener alkoholiker läuft man immer gefahr, einen rückfall zu erleiden. und ebenso wie dieser seine „sauferei“ dann verschleiern muss, muss man es als depressiver auch. weil man ansonsten als schwach und unzuverlässig gilt.
    und der lebenswillen liegt in der regel bei einem schwer depressiven nicht in seiner hand, sondern in der seiner krankheit. der psychiater von enke wird sehr wohl um dessen suizidgedanken gewusst haben. doch die zu erwartenden konsequenzen einer zwangseinweisung wären wohl kaum gewesen: „mensch, robert, schön, dass du dir helfen lässt. nimm dir die zeit, die du brauchst.“ sondern wohl eher: „oh, das ist aber schade. dann müssen wir uns wohl nach einem ersatz umschauen…“
    und so ist es nicht nur bei stars, sondern bei jedem menschen mit depressionen. leider.

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