Eine Reise getan

In letzter Zeit fahre ich häufiger in der Weltgeschichte herum und lege mit wachsender Begeisterung mit der Bahn auch etwas längere Strecken zurück. Deshalb kam mir in den Sinn, daß ich es auch mal mit dem Nachtzug probieren könnte. Meine Eltern z.B. wohnen in der Lüneburger Heide und bis dort ist es von Konstanz aus doch ein ziemliches Stück. Deshalb dachte ich mir, falls ich im Nachtzug tatsächlich schlafen kann, wäre das die ideale Lösung. Also habe ich beschlossen, das mal mit einem Besuch bei meiner Schwester in Hannover zu testen. Ich habe mir die Verbindungen angesehen und mich dafür entschieden, nicht den kürzesten Weg zu nehmen und in Offenburg zuzusteigen, sondern einen Umweg über Zürich zu nehmen. Die Fahrt von dort dauert etwa 10 Stunden, also genug Zeit für einen 8-Stunden-Schlaf. Gebucht habe ich dann bewußt für die Hinfahrt Liegewagen im 4er-Abteil und für die Rückfahrt Schlafwagen im 2er-Abteil.
Ich bin also am Freitag um ca. 19:00 Uhr hier losgefahren nach Zürich und dort kurz vor 21:00 Uhr in den Nightliner gestiegen. Um es kurz zu machen: die Nacht im Liegewagen war die Hölle. Um in meine extrem schmale Koje zu kommen, mußte ich eine steile Hühnerleiter hoch, kein Platz für das Gepäck, es war dunkel und es war zu warm. Irgendwann ging dann zwar die Klimaanlage los, die hat aber mir die ganze Zeit kalte Luft direkt ins Gesicht geblasen und war nicht gerade leise. Zwischendurch ging sie dann mal wieder aus, dafür konnte ich dann einen meiner Mitreisenden um so besser schnarchen hören. Eigentlich habe ich mich die ganze Zeit nur um- und umgedreht, sofern das bei der Enge überhaupt ging. Außerdem machte sich meine Reisekrankheit doch wieder bemerkbar und mir ist auch noch übel geworden von dem teilweise ziemlich heftigen Geruckel des Zuges.
Am nächsten Morgen kam ich um 7:00 in Hannover an und war ziemlich fertig. Nach einer kurzen S-Bahn-Fahrt hab mich bei meiner Schwester dann erst noch einmal für eine gute Stunde hingelegt. Mittags sind wir in die Stadt gefahren und haben das Einkaufszentrum  Galerie Ernst-August unsicher gemacht. Dort wollte ich beim letzten Mal nicht hin, weil ich dachte, daß es sich um eine Kunstgalerie oder ein Museum handelt. Darüber könnte sich meine Schwester heute noch ausschütten.
Das Auto haben wir in das dazugehörende Parkhaus gestellt, meine Reisetasche hatte ich schon dabei. Zwischendurch habe ich noch mal meine Handtasche etwas entlastet und meine Schminksachen und das Täschchen mit Ersatzakku und Ladekabel für das iPhone auch noch in die Reisetasche getan. Nach dem Shopping waren wir noch Kaffeetrinken, sind zum Essen in ein syrisches Restaurant gegangen und waren zum Abschluß noch auf ein Glas Wein in der Nähe des Bahnhofes. Darauf habe ich geachtet, denn meine Schwester gehört zu der Sorte, die zeitlich immer die Ruhe weghat.  Sie hat mich in der Vergangenheit immer buchstäblich auf den letzten Drücker zum Zug gebracht, weshalb ich ihr zuletzt immer eine mind. 10 Minuten frühere Abfahrtszeit gesagt habe. Wie sind also rechtzeitig los zum  Einkaufszentrum direkt neben dem Hauptbahnhof. Tja, nur daß das schon geschlossen hatte und man nicht mehr von dort aus ins Parkhaus konnte. Die Einfahrt zum Parkhaus liegt natürlich genau auf der anderen Seite des doch etwas größeren Blocks. Wir sind also losgespurtet und ich habe schon angefangen zu rechnen, ob es zeitlich mit Auto im Parkhaus suchen, Tasche holen und wieder um den Block zurücklaufen wohl noch reicht. Es hat zeitlich gereicht. Das Parkhaus war nämlich komplett geschlossen, es macht zusammen mit dem Einkaufszentrum am Sonnabend um 20:30 Uhr zu. Auch das Auto Rausholen geht nach 21:00 Uhr nicht mehr und das im Zentrum einer Großstadt wie Hannover. Damit konnte jetzt keiner rechnen, wenn es auch wieder typisch ist, daß mir das mit meiner Schwester passiert. Die gehört zu der Sorte, der immer derartige Dinge widerfahren.
Wie auch immer, ich hatte keine  Zeit, mich großartig darüber aufzuregen, ich mußte meinen Zug erwischen. Also wieder zurück um den Block, schnell noch ein Wasser gekauft, kurz meine Schwester bemitleidet, die nach 22:00 Uhr keine S-Bahn in ihren Stadtteil mehr hat und ab in den Zug. Wenigstens hatte ich meine Fahrkarte dabei. Als ob ich schon wieder so etwas geahnt hätte.
Das Schlafwagenabteil war dann wenigstens eine angenehme Überraschung: die Betten etwas breiter, eine richtige Bettdecke, ein kleines Waschbecken mit warmen Wasser, ein Handtuch, ein Kleiderbügel, ein kleiner Spind und ein Fläschchen 0,5l Mineralwasser auf dem Klappbrett. Da ließ es sich bedeutend besser aushalten, als im Liegewagenabteil. Dumm nur, daß auch hier die Klimaanlage genauso laut war, meine Abteilgenossin auch wieder geschnarcht hat und der Zug genauso furchtbar geruckelt hat. Wenigstens hatte ich jetzt Reisetabletten dabei. Nachts stört es ja nicht, wenn sie mich müde machen. Trotzdem habe ich nicht wirklich gut geschlafen. Die Geräuschkulisse, das Gewackel und außerdem habe ich gefroren. Mangels Freizeitanzug, der sich ja in der Reisetasche befand, hatte ich nur ein T-Shirt an, weil ich mich nicht in Jeans und Pullover ins Bett legen wollte. Das war dann doch etwas frisch.
Am nächsten Morgen gab es dann zu meinem großen Erstaunen einen Tee oder Kaffee ans Bett und dazu eine Schachtel mit Brötchen, Croissant, Butter, Marmelade, Leberwurst und etwas O-Saft. Wirklich vorbildlich.
Trotzdem war ich ziemlich gerädert, als ich dann nach insgesamt knapp 12 Stunden Fahrt heute vormittag wieder hier war. Ich hab erst einmal noch 4 Stunden geschlafen und nerve mich wegen meiner fehlenden Hausschuhe. Dazu keine Föhnbürste, kein Lieblings-Schminkzeug, kein Ladekabel für´s iPhone. Nun ja, wird irgendwie gehen. Nur, daß ich am Donnerstag schon wieder für drei Tage los will. Ich glaube ja nicht, daß meine liebe Schwester es schafft, meine Tasche am Montag abzuschicken und daß sie rechtzeitig wieder hier ist. Aber wir werden sehen.

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6 Antworten to “Eine Reise getan”

  1. Thomas Says:

    Tolle Geschichte!!!
    Irgendwie verlangt das danach verfilmt zu werden 🙂

    • ichhebgleichab Says:

      Du spielst dann denn netten tschechischen Schaffner, der sich mit meiner italienischen Mitreisenden nicht verständigen konnte und mich als Dolmetscherin eingesetzt hat 😉

      • Thomas Says:

        Tschechischer Schaffner? Zugegeben eine kleine Rolle, aber besser als nichts, denn das Gespräch würde Stunden dauern 🙂 Du sprichst tschechisch und italienisch?

  2. Dagmar Says:

    Hi!
    Tipp von einer Profi-Nachtzugreisenden: Ohrenstöpsel mitnehmen – himmlische Ruhe und das Geruckel wiegt Dich in den Schlaf.
    lg aus ‚Übersee‘
    Dagmar (doxanize_chefin)

  3. Markus Says:

    Hallo Susanne,
    Du weißt ja: Schadenfreude ist die schönste Freude. Ich musste doch ein bisschen grinsen, als ich Deine Geschichte hier gelesen habe. ALLES typisch Deine Schwester? Wäre es nicht doch so ein gaaanz klein bisschen möglich, dass Ihr beide ein Chaosgen habt?
    Na, zumindest wird Dir nicht langweilig! Also: halt uns auf dem Laufendem!
    lg Markus

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