Verlorene Tasche – Ursache und Folgen

Wie es passieren konnte, daß ich ausgerechnet meine Handtasche im Zug hab liegen lassen? Tja, wie meistens bei solchen Geschichten kam da einiges zusammen:
Ich hatte Silvester in Frankfurt gefeiert und war ungeplant noch etwas länger geblieben. Auch meine Rückfahrt am 6. Januar habe ich von der Uhrzeit her später als vorgesehen angetreten. Dann hatte der ICE auch noch deutlich Verspätung und der ganze Fahrplan war durcheinander. Ich hatte keine Reservierung und mich über einen schnell gefundenen Sitzplatz gefreut, ausnahmsweise mal an einem Tisch. Da ich nicht recht wußte wohin mit der Handtasche, die ich normalerweise vor meine Füße stelle, habe ich sie unter den Sitz getan. Weil der Zug ziemlich voll war, mußte ich dann mein Gepäck etwas verteilen. Sonst habe ich nur eine einzige Reisetasche dabei, wegen der zusätzlichen Kleidung für die Silvesterparty, die zudem nicht verknicken sollte, aber ausnahmsweise noch eine zweite Tasche.
Wegen der Verspätung hatte der Lokführer ordentlich Gas gegeben und die Ankunftszeit am Umsteigebahnhof Offenburg war auf einmal doch früher, als von mir gedacht. Also schnell mein Zeug zusammengesucht: Schal, Jacke, daran denken, daß ich diesmal zwei Reisetaschen habe. Was mache ich jetzt mit dem neuen Bügelkopfhörer für´s iPhone, den ich während der Fahrt erstmals ausprobiert habe? Lasse ich den auf oder trage ich den um den Hals über dem Schal? „Steigen Sie hier auch aus oder kann ich vorbeigehen?“ Habe ich jetzt beide Reisetaschen? Laut Durchsage wartet der Anschlußzug nach Konstanz auf uns. Stimmt das? Soll ich lieber rennen? Welches Gleis war das noch?…
Anschlußzug erreicht, Sitzplatz ergattert, Kopfhörer auf, die Weiterfahrt kann losgehen. Etwa eine halbe Stunde später, die Nase läuft, ich brauche ein Taschentuch. Ähm, Handtasche? Hab ich doch immer dabei. Im Gegensatz zu meiner schusseligen Schwester habe ich meine Handtasche lebtags noch nie verloren oder vergessen. Muß irgendwo sein…. Der Zug ist voll mit jungen französischen Soldaten, die mich alle angrinsen. Noch bin ich überzeugt, daß einer der der Jungs sie versteckt hat. Aber nein, keiner rückt sie raus. Dann dämmert es mir: ich hatte sie nicht dabei, ich hatte nur zwei Taschen mitgenommen. Und jetzt??? Panik macht sich bei mir breit: was soll ich ohne meine Handtasche anfangen?? Bargeld – okay, Ausweis läßt sich wieder beschaffen. Aber was ist  mit der EC-Karte und der Kreditkarte? Die brauche ich laufend. Und was, wenn jemand damit Mißbrauch treibt? Durchatmen – was jetzt? Mein netter Sitznachbar gab mir den Rat, den Schaffner zu suchen. Schien mir eine gute Idee, also bin ich sofort losmarschiert. Hab ihn auch schnell gefunden. Der sah das ganze aber ziemlich gelassen – jaaah, wenn er wieder vorne ist, kann er ja mal im anderen Zug anrufen…. Irgendwie nicht so vertrauenerweckend. Dann kam der Teil, den Ihr alle kennt: ich nutzte meine Nabelschnur zur Welt und setzte immer noch leicht panisch einen Hilfetweet ab. Und der wurde wunderbar weitergegeben: 

Das fand ich einfach toll und einzigartig und es hat mich etwas beruhigt. Der einzige Nachteil: bei der Flut der Retweets hatte ich Mühe, direkte Nachrichten an mich herauszufiltern. Ich hab wirkliche gute Tipps und Telefonnummern von anderen Twitterern bekommen. Dummerweise war ich natürlich außerdem zu der Zeit auf einem Abschnitt durch den Schwarzwald unterwegs, auf dem es die meiste Zeit kein Netz gibt. Zwischendurch kam wenigstens mal wieder der Schaffner vorbei und erklärte mir, daß man den anderen Zug nicht habe erreichen können, da kein Netz da sei – ah ja. Aber der Kollege würde es per Funk versuchen. Vielleicht könnten die Kollegen im ICE ja die Handtasche suchen. Das hat mich jetzt wieder beruhigt. Überhaupt: bisher hatte ich immer Glück. Etwas wirklich Schlimmes ist mir noch nie passiert, bisher ist am Ende immer alles gut gegangen.
Außerdem habe ich einige wirklich liebe Tweets auch bisher unbekannter Follower bekommen. Ein für mich etwas merkwürdiger Nebenffekt der ganzen Aktion war nämlich, daß ich einen erheblichen Follower-Zulauf hatte. Warum auch immer…
Und just, als ich mich gerade wieder auf die Suche nach dem Schaffner machen wollte, um nachzufragen, meldete sich auf dem iPhone eine nette Zugbegleiterin aus dem ICE nach Basel, daß sie meine Handtasche habe. Ich hab gejubelt und könnte die Frau heute noch knutschen! Sie bekundete mir ihr Mitgefühl und sagte mir, daß sie die Tasche in Basel am Badischen Bahnhof am Servicepunkt hinterlegen würden. Ich solle doch dort anrufen. Klar, danke, mach ich. Hauptsache das Ding ist in Sicherheit. Puuuuuh! Mal wieder Glück gehabt.
Dann fing ich allerdings wieder an zu überlegen: woher hatte sie jetzt die Nummer? Die Nummer vom iPhone hatte ich nach meiner Erinnerung nicht aufgeschrieben. Sie hatte was von Visitenkarte gesagt. Dann die Erleuchtung: kurz vor meiner Abreise hatte ich noch ein bißchen aufgeräumt, damit die Katzen-Sitterin nicht der Schlag trifft und mir fiel mein altes Prepaid-Handy in die Finger. Dabei kam mir die Idee, daß ich ja vielleicht für die letzten Vergessenen eine Rufumleitung einrichten könnte – yes, das war es. Die alte Nummer stand auf der Visitenkarte. Deshalb konnte sie mich erreichen und mir gleich Bescheid geben. Und kurze Zeit später hat mich auf dem gleichen Weg das Personal des Badischen Bahnhof in Basel erreicht, um  mir zu sagen, daß sie meine Tasche hätten.
Und jetzt mal nebenbei: man sagt mir ein Chaos-Gen nach, mir passieren sicherlich auch einige Mißgeschicke, weil ich ab und zu mit den Gedanken woanders bin oder ich etwas zu leicht nehme. Aber am Ende geht immer alles gut aus. Zum Beispiel, weil jemand meine Tasche findet und abgibt. Weil ich im letzten Moment noch eine Rufumleitung eingerichtet habe und deshalb gleich benachrichtigt werden konnte. Das sind die Dinge, die ich sehe. In meinem Gedächtnis bleibt nicht hängen, daß ich die Tasche vergessen habe, sondern daß ich sie wiederbekommen habe. Deshalb betrachte ich mich nicht als Pechvogel, sondern als Glückskind.
Und das Glück ging weiter: mein Hausschlüssel war in einer der Reisetaschen, also konnte ich ohne Probleme in meine Wohnung. Ich konnte dank Bahncard und erteilter Einzugsermächtigung gleich eine Fahrkarte nach Basel buchen und ausdrucken. Und der Badische Bahnhof in Basel ist zolltechnisch deutsches Staatsgebiet, also brauchte ich auch keinen Personalausweis für die Fahrt dorthin. Am Tag drauf hatte ich auch noch Urlaub, alles perfekt. Und darum bin ich am nächsten Tag nach Basel gefahren und habe meine Handtasche abgeholt.
Tja, und danach bin ich in die Stadt und hatte einen wunderbaren Nachmittag, den einige von Euch sicher auf Twitter verfolgt haben. Das hätte ich sonst auch nicht gehabt. Und auch das bleibt mir positiv in Erinnerung.

Advertisements

Schlagwörter: , , ,

6 Antworten to “Verlorene Tasche – Ursache und Folgen”

  1. Karsten Sauer Says:

    Was für eine Aktion! Glücklich ausgegangen, aber Wiederholungsbedürfnis dürfte sich in Grenzen halten, oder? 😉

  2. michallein Says:

    Danke, dass Du diese wunderbare Geschichte niedergeschrieben hast. Es ist wirklich faszinierend, was heute alles möglich ist!
    Eine Aussage ist bei mir jenseits der Geschichte an sich jedoch besonders hängengeblieben: „Deshalb betrachte ich mich nicht als Pechvogel, sondern als Glückskind.“
    Ich bin mir sicher, dass diese Einstellung letztendlich mit dazu beigetragen hat, dass die Sache für Dich so gut ausgegangen ist!

    • ichhebgleichab Says:

      Möglich. Jedenfalls habe ich das ganz bewußt eingefügt. Ich bin mir sicher, daß vielen von uns täglich Mißgeschicke und kleinere Unglücke passieren, das ist völlig normal. Das darf man nur nicht überbewerten und bei manch einem habe ich einfach das Gefühl.
      Das gilt natürlich nicht für echte Schicksalsschläge. Da nützt eine positive Einstellung nur sehr bedingt etwas.

  3. eichental Says:

    Puh, hatte die Geschichte ansatzweise bei Twitter mitbekommen und kam jetzt alleine beim Lesen des ganzen Sachverhalts schon ins Schwitzen. Kann mir denken, daß das bei dir noch viel ausgeprägter war (das Schwitzen meine ich). Aber wie du schon schreibst, die Geschichte ist gut ausgegangen. Gratulation und ausnahmsweise mal ein Lob an die Bahn.

  4. Thomas Says:

    Da stockt einem beim lesen der Atem, bei dir passiert alles mit Tempo und Highspeed! Kommst du auch mnal zur Ruhe?

  5. Markus Says:

    gnhihi…..

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: