Privatsphäre contra Alterseinsamkeit

Meine ältere Nachbarin betreut schon lange meine Katzen, wenn ich nicht da bin. Sie hatte nie viele Freunde oder Bekannte. Umso mehr hat sie sich auf meine Katzen gestürzt und war schon immer ganz wild darauf, sich um die zwei zu kümmern. Zeitweise habe ich sie angerufen, wenn ich nur abends etwas später kam, damit sie sie füttern kann. Sie hatte schon immer einen Schlüssel für meine Wohnung, um Handwerker, Schornsteinfeger, Gasableser etc. hineinzulassen. Aber auch nur dafür.
Vor drei oder vier Jahren hat sie es fertig gebracht, auch nach meinem zweiwöchigen Urlaub noch tagsüber in meine Wohnung zu gehen und nach den Katzen zu sehen. Das habe ich mir natürlich verbeten, freundlich aber bestimmt. Sie war deshalb ziemlich aufgeregt. Sie hat tatsächlich gemeint, ich wollte sie nicht in der Wohnung haben, weil sie etwas wegnehmen könnte. Natürlich völliger Blödsinn, aber die Sache mit meiner Privatsphäre konnte ich ihr nicht begreiflich machen. Das hat sie erst geglaubt, als ihr Sohn mir Recht gegeben hat.
Inzwischen ist sie 87, ihre Bekannten sind inzwischen gestorben oder im Altenheim, ihr Sohn ist schwer krank und kann sie schon lange nicht mehr besuchen. Ihre Enkelin kommt zwar regelmäßig vorbei, aber eine herzliches Verhältnis haben die beiden nicht.
Meine Katzen sittet sie immer noch. Ich rufe allerdings nicht mehr an, weil sie das Telefon nicht mehr hört. Ich klebe nur noch einen Zettel an meine Wohnungstür, wenn ich länger weg bin und sie kümmert sich so lange, bis ich mich zurückmelde. Das ist für mich natürlich sehr praktisch.

Tja, heute gab es keinen Zettel, ich wäre eigentlich ins Büro gegeangen. Aber ich bin mit einer Erkältung zuhause geblieben und lag auf der Couch, als es an der Wohnungstür rumorte. Es wunderte mich nicht wirklich, als meine Nachbarin ungefragt in der Wohnung auftauchte. Angesichts der vielen leeren Verpackungen von Katzen-Sticks, die ich derzeit im Abfall finde, hab ich mir so etwas fast schon gedacht. Sie wirkte zwar  etwas schuldbewußt, als sie mich entdeckte, aber typisch für sie, nicht besonders lange.
Ich habe nur ganz kurz überlegt, was ich jetzt mache. Aber dann hab ich ihr auf ihre Nachfrage gesagt, daß ich ihr nicht böse bin. Sie redete davon, wie wichtig die Katzen für sie seien und daß sie doch nachsehen müsse, ob es den beiden auch gut gehe. Dann setzte sie sich zu mir und erzählte von ihrem schwerkranken Sohn, den sie einmal in der Woche besucht und wirkte sehr betroffen.
Es macht mir wirklich nichts aus, wenn sie in meiner Abwesenheit durch meine Wohnung geistert. Aber ich hab auch keine Lust, in Zukunft einen Schal an die Türklinke zu binden, wenn ich außer der Reihe mal zuhause bin. Ich hoffe mal, daß sie sich in Zukunft wenigstens vorher bemerkbar macht.
Ich bin gespannt.

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4 Antworten to “Privatsphäre contra Alterseinsamkeit”

  1. Holger_B76 Says:

    Nun das ist echt sehr schwierig da das gute Mittelmaß zu finden. Die einzigste Lösung die mir einfällt ist eine zusätzliche Kette an der Tür damit die Privatsphäre bleibt diese gibt es ja auch in der Form das man sie von aussen zusätzlich abschließen kann 😀 wenn diese zu ist kein Zutritt.. denn spätestens wenn Du mal Besuch hast und es romatisch wird wird es sehr unangenehm…

  2. Karsten Sauer Says:

    Oh Mann, schwierig. Da hat man Hemmungen, jemanden zu verletzen. Und ein Zeitschloss ist ja auch keine Lösung. 😉

  3. Wie weit kümmern? | Twitter-Splitter Says:

    […] hatte hier ja schon von meiner Nachbarin erzählt, die sich regelmäßig um meine Katzen kümmert. Das kann […]

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