Bewerben?

In einer anderen Abteilung wird bald eine Stelle frei. Es wäre eine andere Arbeit, weniger interessant, aber dafür mit Aufstiegsmöglichkeit. Normalerweise würde ich darüber gar nicht nachdenken. Mir gefällt mein derzeitiger Job hier und ich habe eine Menge Dinge angeleiert, deren Erfolg ich gerne selber erleben würde. Da wäre mir das Geld egal.
Allerdings hätte ich dort ein angenehmeres Büro. Der Lärm in diesem Gebäude, in das wir vor zweieinhalb Jahren umgezogen sind, stört mich bis heute noch ziemlich.
Eine Etage höher wäre es ruhiger. Keine Nachbarabteilung mit 15 lärmigen Kollegen, keine zigmal am Tag ins Schloß fallende Feuerschutztür, die hier die lausigen Zwischenwände wackeln läßt und kein Herrenklo direkt gegenüber.
Aber was mich überhaupt erst ins Nachdenken gebracht hat, ist Kollege No.3, an den ich mich auch nach anderthalb Jahren nicht gewöhnt habe. Ich mag ihn nicht, er ist mir unheimlich, ja, ich habe fast ein bißchen Angst vor ihm. Wie sehr mich allein schon seine Anwesenheit streßt, ist mir jetzt erst so richtig bewußt geworden. Er ist seit vier Wochen weg wegen Fortbildung und anschließendem Urlaub (und bleibt noch weitere zwei Wochen). Seither bin ich viel entspannter. Der Mann ist nicht nur voll unterdrückter Aggressionen (schon zweimal hat er mich wegen Nichtigkeiten angeschrien), er steht auch ständig unter Spannung. Noch NIE habe ich ihn in normalem Tempo über den Flur gehen sehen. Er rennt mit vorgebeugtem Oberkörper über den Flur, hält jede Art von Gespräch, auch geschäftlicher Art, für überflüssiges Geschwätz, hat ständig Angst davor, daß er was falsch machen könnte, daß die Kollegen über ihn reden, daß man ihn nicht für voll nimmt, daß er seine Arbeit nicht schafft….Und diese totale Verspanntheit und eine gewisse Wut strahlt er aus und irgendwie färbt das auf mich ab. Ich war in den letzten Monaten selber viel aggressiver und hab manchmal heftig ausgeteilt. Das ist eigentlich nicht meine Art.
Außerdem kommt in einem halben Jahr voraussichtlich eine frühere Kollegin zunächst halbtags aus dem Mutterschutz und wird wohl wieder bei uns eingesetzt. Die hat so eine laute, nörgelige, ständig nur das Negative sehende Art an sich, die mir auch nicht so zusagt.
Die Kollegen aus der ersten Etage dagegen sind alle ruhig. Allerdings total trocken, nicht besonders humorvoll und ziemlich langweilig. Da würde ich mich auf Dauer vermutlich auch nicht wohlfühlen. Der Chef dort ist neu und grüßt einen nur widerwillig. Kommt allerdings mit dem Motorrad zur Arbeit, kann also eigentlich so verkehrt nicht sein.
Aber mir würden die Jungs aus der Nachbarabteilung hier unten fehlen, mit denen ich gelegentlich in den Außendienst gehe, die mir Essen mitbringen und dafür von mir mit Süßigkeiten versorgt werden. Aber wenn ich dafür No.3 nicht mehr sehen müßte….

Das Schicksal kann ich nicht spielen lassen, denn denen, die sich bisher beworben haben, würde man mich sicher vorziehen. Ich habe noch eine Woche Zeit, mir eine Bewerbung zu überlegen. Mal nachdenken.

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8 Antworten to “Bewerben?”

  1. Oliver Gassner Says:

    Vielleicht ist der Chef in-spe nur des wegen so muffig, weil er in so eine langweilige Abteilung gekommen ist; d.h. ggf. freut der sich über Auflockerung 😉
    wenn es dort mit dem Aufstieg besser klappt, dann sind es ja nur 2-5 Jahre 😉

  2. Yvonne Mich Says:

    Du weißt, dass ich momentan in einer ähnlichen Situation stecke mit dem Unterschied, dass ich momentan die besten Kollegen habe, die ich je hatte und nicht weiß, was mich da auf der neuen Stelle erwartet.
    In den letzten drei/vier Jahren habe ich aber gelernt, berufliche Entscheidungen nicht von Personen abhängig zu machen – so viel hat sich in dieser Zeit verändert, mit dem ich im Leben nicht gerechnet hätte. Einige Kollegen haben sich räumlich verändert, sprich sind von heute auf morgen weggezogen, andere sind durch Krankheit plötzlich weggefallen, es gab Umorganisationen, durch die sich unsere Abteilung personalmäßig vervielfacht hat, so dass nichts mehr ist, wie es einmal war.
    Mir sind meine Kollegen extrem wichtig, nicht dass das falsch rüberkommt, aber eine Entscheidung über meine berufliche Zukunft werde ich nicht davon abhängig machen.
    Überleg Dir, ob Du die neue Arbeit inhaltlich gern machen wirst, auch vor dem Hintergrund der Dinge, die Du angestoßen hast (die aber auch weiterlaufen werden, wenn Du sie nicht mehr begleitest) und wie wichtig Dir berufliche Aufstiegschancen sind.
    Wie ich Dich kenne und einschätze, wirst Du auch in einem neuen Kollegenkreis keine Probleme haben, Dich einzubringen und Vertraute zu finden – und ich finde auch, dass ein motorradfahrender Chef in dem Metier „so“ verkehrt nicht sein kann. 🙂
    Von mir also ein *Daumen hoch* FÜR eine Bewerbung!

    • ichhebgleichab Says:

      Danke Dir für Deine Anstöße. Du hast recht mit den Personen.
      Ich werde mir nächste Woche noch einmal genauer ansehen, wie der andere Job aussehen würde. Aber ich denke, ich werde es lassen.

  3. BB Says:

    Mach es!

    Wenn ich manchmal wirklich nicht weiß, was zu tun ist, dann mache ich mir wirklich eine Liste mit + und -. Evtl. gewichte ich manche Punkte mit mehr oder weniger. Und am Ende habe ich ein Ergebnis mit welchem ich leben kann oder nicht.
    Ich bin ein ziemlich rationaler Mensch 🙂

    Der Argumentation von Yvonne kann ich sehr gut folgen: personenunabhängige Entscheidungen. Das stimmt!

    Aber es ist immer noch „nur“ ein Job. Nicht mehr, und nicht weniger.

    Ach ja, motorradfahrender Chef. Sagt auch was aus 😉

    Grüße. Motorradfahrender Twitterer.

  4. Miss Fairytalez Says:

    Schwere Entscheidung… Aber ein bisschen Klimawechsel tut manchmal gut 🙂

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